Dr. Nadlers „Museumskombinat“

Hermann Krüger erinnert sich, wie das bombengeschädigte Dresdner Residenzschloss vor den Abbruchplänen der „Genossen“ gerettet wurde

Die Zerstörungen am Dresdner Residenzschloss – hier ein Einblick in den großen Schlosshof um 1964  nach ersten Sicherungsmaßnahmen durch die „Zwingerbauhütte“ – schienen für manche damaligen „Funktionäre“ einen endgültigen Abbruch zu rechtfertigen; sie wollten etwaigen „Fürstenknechten“ zuvorkommen (was ihnen bei der endgültigen Beseitigung des Berliner Schlosses gelang). Foto: Hermann Krüger
Die Zerstörungen am Dresdner Residenzschloss – hier ein Einblick in den großen Schlosshof um 1964 nach ersten Sicherungsmaßnahmen durch die „Zwingerbauhütte“ – schienen für manche damaligen „Funktionäre“ einen endgültigen Abbruch zu rechtfertigen; sie wollten etwaigen „Fürstenknechten“ zuvorkommen (was ihnen bei der endgültigen Beseitigung des Berliner Schlosses gelang). Foto: Hermann Krüger

Den folgenden Text entnahm der Elbhang-Kurier dem Sammelband „Die Nacht im Roten Kakadu – Dresdner Stadtgeschichten 1945 -1990“,
Saxonia Verlag Dresden, 2006; Herausgeber Roland Wauer
ISBN 3-3907951-47-4 //
978-3-3907951-47-8

Wir danken dem Verlag und dem Herausgeber für die Abdruckerlaubnis.



Eigentlich wollte ich nach Kanada. Als echter Thüringer Junge war ich fasziniert von der Weite dieses Landes und von der gigantischen Holzwirtschaft. Der Abschluss des Architekturstudiums an der TH Dresden war schon näher gerückt. Da erschien unser verehrter Lehrbeauftragter Dr. Hans Nadler (einen Lehrstuhl für Denkmalpflege gab es noch nicht) und unterbreitete Gerhard Glaser und mir einen Vorschlag für den vor uns stehenden Hauptentwurf. Es ging um nichts Geringeres als um die Rettung des Dresdner Schlosses. Dazu muss man wissen, dass das Schloss noch bis 1962 auf der Abbruchliste stand.

Jetzt war Frühjahr 1960. Dr. Nadler erläuterte uns seinen Wiederaufbauwunsch. Er dachte dabei an ein Zentralmuseum der Staatlichen Kunstsammlungen. Dieser riesige Gebäudekomplex mitten in der Stadt mit den herrlichen Innenhöfen erschien ihm für diese Aufgabe bestens geeignet. Gewitzt und pfiffig, wie wir ihn kannten, gab Dr. Nadler gleich den Titel der Arbeit mit. „Museumskombinat! Das macht ihr! Die haben Getreidekombinate, die haben Schrauben- und Maschinenkombinate, jetzt kriegen sie ein Museumskombinat. So machen wir das!“

Im August 1960 war unser Großer Entwurf fertig: „Museumskombinat im ehemaligen Residenzschloss Dresden“. Es wurde immer darauf gesehen, dass man möglichst den Namen „Residenzschloss“ vermied. Wie die Offiziellen in dieser Zeit dachten, das erlebte ich bei einer Bürgerversammlung in Blasewitz in der Nexö-Oberschule, wo der damalige Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen, Max Seydewitz, mit auf dem Podium saß. Ich meldete mich zu Wort und unterbreitete den Vorschlag zum Wiederaufbau des Dresdner Schlosses als Museumskombinat. Die Erwiderung des Befragten gipfelte in einem Zornesausbruch. Er brüllte nur: „Fürstenknechte wie diese verschwinden auch noch!“

Wenige Jahre später, es war im Herbst 1964, traf ich erneut mit Seydewitz zusammen. Ich war in der Zwingerbauhütte, ich war Architekt und Bauleiter für den Ausbau des Albertinums als künftige Galerie Neue Meister. Die alle Bereiche vom Keller bis zum Dachgeschoss umfassenden Arbeiten verlangten unter anderem, die Transportkisten der Dresdner Kunstschätze aus dem Albertinum herauszubringen und anderswo unterzustellen. Diese Kisten stellten eine Art von Heiligtum dar. Sie waren 1942 gefertigt worden, als man in bestimmten Kreisen schon nicht mehr an die „sichere Stadt Dresden“ glaubte. In ihnen waren die Kunstwerke auf den Königstein und in die Bergwerke gelangt, in ihnen waren sie in die Sowjetunion gekommen und 1958 zurückgekehrt. Diese Kisten waren innen gefüttert, außen regendicht und mit Gleitschienen versehen; sie stellten also äußerst noble Exemplare ihrer Gattung dar. Ihr Depot gehörte zum höchsten Sicherheitsbereich und wurde jede Nacht von der (mit Maschinenpistolen bewaffneten) Transportpolizei kontrolliert. Jetzt also hatte ich die Absicht, diese Kisten in die dafür sehr geeigneten Schlosskeller zu bringen. Das Schloss wurde ja bis dahin offiziell überhaupt nicht genutzt.

Um mein Vorhaben zu beschleunigen, hatte ich veranlasst, dass die neue Starkstromversorgung für das Albertinum genau durch jene Kellerräume gelegt werden sollte, in welchen die 200 Kisten lagerten. Seydewitz, dem ich die „Notwendigkeit der Auslagerung“ vortrug, war empört. Ob denn gar nichts anderes möglich sei, als „vorübergehend“ (dabei handelte es sich voraussichtlich um zwei bis drei Jahre!) eine Baracke auf die Brühlsche Terrasse zu stellen, um darin die Kisten zu verwahren, so fragte er. „Hast du denn keine anderen Möglichkeiten?“ wollte er wissen. – „Klar, es gibt Keller, hier im Zentrum.“ – „Wo?“ – „Na, da drüben.“ Den Begriff „Schloss“ musste man ja bei Seydewitz zunächst einmal vermeiden. Aber der Generaldirektor wusste schon, in welche Richtung er von uns geschoben werden sollte. Also kraxelte er mit uns an den Schuttbergen vorbei über den Schlosshof in die Keller unter dem Grünen Gewölbe, die sich in einem tadellos sauberen Zustand zeigten. Hier hatten nämlich pfiffige Leute eine Zeit lang Champignons gezüchtet, bis man sie hinausgeworfen hatte. Der Keller jedenfalls war trocken und sauber, und Seydewitz ließ sich notgedrungen überzeugen. Damit rückte nun endlich die Fortführung jener Arbeiten näher, die von Dr. Hubert Ermisch und Dr. Max Zimmermann, beide Chefs der Zwingerbauhütte, und stets zusammen mit dem versierten Praktiker, dem Baumeister Hermann Ullrich, schon seit Kriegsende am Schloss unternommen worden waren. Denn es entsprach gar nicht den Tatsachen, dass das Schloss bis auf die Grundmauern niedergebrannt sei, und es stimmte auch nicht, was Seydewitz 1958 vor der Presse erklärt hatte, dass das Grüne Gewölbe zerstört worden sei. In Wirklichkeit war nur ein Gewölberaum von einer Sprengbombe beschädigt. Das grundsolide meterdicke Mauerwerk, das Dunger und Frölich beim letzten (historischen) Gesamtumbau Ende des 19. Jahrhunderts verstärkt hatten, widerstand doch der Feuerglut recht gut. In den Jahren 1946 bis 1949 war schon die erste entscheidende Rettungstat erfolgt: Den auf den Erdgeschossgewölben lagernden Trümmerschutt der Obergeschosse ließ Hermann Ullrich halbmeterdick mit Gefälle einebnen. Darauf kam eine Ziegelflachschicht, mit doppelter Dachpappe verklebt und mit einer Entwässerung nach außen versehen. Das war die Rettung der Gewölbe über die Jahre der Unsicherheit. In dieser Zeit hatte Max Gaul, Ministerialdirektor im sächsischen Bauministerium, viele Zentner Zement freigestellt, um den großen Schlossturm – den Hausmannsturm – mit einem Ringanker zu sichern. Gaul ist kurz darauf seines Postens enthoben worden. Aber der Schlossturm war in sich stabilisiert und mit einem Flachdach versehen.

Jetzt hatte ich also den Befehl des großen Max Seydewitz in der Hand, die Kunst-Transportkisten vom Albertinum in die Keller unter dem Grünen Gewölbe zu verlagern. Damit konnte ich ins Rathaus marschieren und meine Forderungen geltend machen: Es ging um Bauleistungen im Umfang von einer halben Million! Für die sichere Fahrt durch den Hausmannsturm konnte jetzt „natürlich“ nur eine neue Ziegelgrateinwölbung „richtig sein“. Die jungen Maurer mussten erst einmal das Einwölben auf Schalung lernen. An den nicht verputzten Turmgewölben kann man noch heute die damalige Leistung bewundern. Jetzt konnten die Schuttberge mit Baggern und Lastkraftwagen abgetragen werden. Daraus ergab sich eine ganze Folge von Abbruch- und Sicherungsarbeiten. So musste z. B. das Flachnotdach (180 m?) auf dem Hausmannsturm neu eingedeckt werden. Als die PGH „Dachdecker“ für das Projekt schon gewonnen war, fragte man noch: „Und, wo hast du das Gerüst?“ – Ich sagte: „Ohne Gerüst. Dafür haben wir kein Geld.“– „Dann kannst du dir das schenken.“ Der Auftrag war geplatzt. Jetzt war die Reihe wieder an uns. Wir, junge Dresdner Architekten und Oberschüler, darunter der Theologe Christoph Münchow und der Mediziner Andreas Weitzel, stiegen dem Schlossturm aufs Dach. Selbst der alte Herbert Schneider, der einstige Dresdner Chefarchitekt und letzte Leiter der Zwingerbauhütte, schwer gehbehindert, war zum Arbeitseinsatz erschienen, stand mitten unter uns und schlug die Seile um die Papprollen, die wir hochzutragen hatten. Am dritten Advent 1964 war das Dach gedeckt!

Während des Freibaggerns kamen die Leute in Aufregung zu mir in die Zwingerbauhütte (so nannten wir nach wie vor unsere Abteilung für Kulturhistorische Bauten) und riefen: „Du musst kommen. Die ganze Wand wackelt, wenn wir unten mit dem Bagger arbeiten.“ Und es war wirklich so. Es sah gefährlich aus. Ich holte die führenden Statiker, und die sagten: „Hier können Sie keinen mehr einsetzen. Die Wand kommt. Jetzt ist noch Frost. Doch mit der Wärme bricht die Wand.“ Wieder so eine Situation, die alles in Frage stellte. In diesem Fall waren es Jochen Blödow, Gerhard Glaser und ich – wir haben es gemacht. Wir begannen nachmittags, und um Mitternacht konnten wir schon mit Schnitten und Rotwein an unserem Feuerchen pausieren. Was war zu tun gewesen? Es war der linke Pfeiler am Eingang in die ehemalige Schlosskapelle, der, vom Feuersturm geschwächt, dem Druck des Gewölbeschubes nicht mehr standhielt. Bisher hatten die aufgehäuften Schuttberge den Gewölbedruck über den Hof in den Erdboden abgeleitet. Diese statische Hilfskonstruktion war durch das Wegbaggern der Schuttberge jetzt natürlich genommen. Wenn der Pfeiler zusammenbrach, dann war die Wand verloren, und die Abbruchfreunde, die ja nicht nur im Rathaus saßen, hätten gesiegt. Also, wie diesen Pfeiler sichern? Es waren wieder Hermann Ullrich und der Statiker Wolfgang Preiß, die den todesmutigen Freiwilligen empfahlen: „Blumendraht! Ein ganz schwacher Draht, den ihr mit den Händen biegen könnt. Ihr flechtet ein Drahtkorsett um den kaputten Pfeiler und werft den Beton hinein. Damit kommt ihr aus der mehrfachen statischen Unsicherheit in eine einfache Unsicherheit. Vielleicht hält es.“ Und es hat gehalten. Viele, viele Jahre. Die Nordwand war gesichert. Schritt für Schritt drangen wir weiter in den Schlosskomplex vor. Endlich war auch an den Ausbau der im Grünen Gewölbe verbliebenen originalen Spiegelwände und Holzeinbauten zu denken. Diese waren nämlich hier, im Unterschied zu allen anderen Bereichen des Schlosses, nichtfeuergeschädigt dank der soliden barocken Brandschutzvorrichtungen. Was diese Inneneinrichtung betrifft, so hatte es Alarm aus dem Ausland gegeben. Auf dem südamerikanischen Kunstmarkt waren Konsolen aus dem Grünen Gewölbe erschienen, und man erkannte erst jetzt: das sind ja Kändler-Konsolen!

Mit der endlichen Aufhebung der Abbruch-Beschlüsse im Jahre 1962 wurde es jetzt auch leichter, der immer engagierten Technischen Hochschule (später Technische Universität) eine Vielzahl Diplomarbeiten und Dissertationen zum Thema Wiederaufbau/Umnutzung/Neunutzung des Dresdner Schlosses in Arbeit zu geben. Vor allem ist hier Prof. Rolf Göpfert als ein guter Entwerfer zu nennen, an dessen Lehrstuhl viele dieser Arbeiten entstanden. Ich selbst promovierte bei ihm in diesem Kontext zu dem Thema „Die museale Adaption/Möglichkeiten und Grenzen der Umnutzung von Baudenkmalen“.
Die Basis unserer Arbeit wurde breiter. Im Mai 1978 hatte Dr. Hans Modrow, der 1. Bezirkssekretär von Dresden, ein Kunst und Kultur fördernder Mann, sich mit Denkmalpflegern der Stadt Dresden und Kunstsammlungen an der TU getroffen und die Zielstellung ganz klar formuliert: Wiederaufbau des Schlosses als Museumszentrum. Aus diesem Treffen ergab sich meine nochmalige intensive Beschäftigung mit dem Schloss, denn ich durfte als Ausstellungsgestalter und Museums-planer die gesamte Aufgabenstellung bearbeiten.

Wir verspürten ein wachsendes internationales Interesse an unseren Bemühungen, Dresden, diese totgesagte Metropole der Weltkultur, wieder zu beleben. Es war berührend, zu erfahren, wie viele Menschen aus anderen Ländern wussten, was Dresden eigentlich ist. Nur hier bei uns wollten es viele offenbar nicht wissen. Und ich fragte mich immer wieder, woher kam eigentlich dieser Hass auf das Schloss, diese Nichtachtung der eigenen Kultur?

Der 13. Februar 1985, an welchem die Semperoper wieder eröffnet wurde, war auch für uns „Schlossbaumeister“ ein unglaublich wichtiger Tag. Ganz geschickt hatte man dem Generalsekretär Erich Honecker einen Passus in seine Rede eingearbeitet, der besagte, dass nunmehr mit dem Wiederaufbau des Schlosses begonnen werden könne. Und es war auch dafür gesorgt, dass der Generalsekretär, als er zum Schloss hinüberblickte, schon ein Baugerüst stehen sah.
Jetzt endlich wurden unsere Pläne zur Wirklichkeit.

Dr. Hermann Krüger